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Roland, Martin, Österreichische Akademie der Wissenschaften

Schönheit und Gruppenzwang: Zum individuellen Dekor in der päpstlichen Kanzlei trotz Regelwerk (1375–1500)

Abstract. From the second half of the 14th century, the charters of the papal chancery were increasingly adorned with graphic decorations that went well beyond those prescribed by chancery rules. At the same time, scribes usually named themselves usually on the right-hand side of the plica. The mixture of highly standardised script within the chancery and the naming of individual scribes spans a network of relationships, which gained a further dimension through the decoration.  The papal chancery offers a case study with sufficient material, but also a playground in which a limited number of actors – in this case probably all men – are involved. It is therefore an opportunity to conduct enjoyable research at the interface of palaeography and art history and to work with material that – especially during the schism – also had a fundamental influence on European politics.

Die Urkunden der päpstlichen Kanzlei wurden ab der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts verstärkt mit graphischem Dekor versehen, der über die durch die Kanzleiregeln bestimmte Ausstattung deutlich hinausgeht. Parallel dazu nennen sich die Skriptoren – in der Regel rechts auf der Plica.

Diese Gemengelage aus stark vereinheitlichten Schriftformen innerhalb der Kanzlei und Nennung individueller Schreiber spannt ein Beziehungsnetz auf, das durch den Dekor eine weitere, in diesem Beitrag vor allem im Fokus stehende Dimension erhält. Durch Forschungen von Francesca Manzari und durch die in der digitalen Sammlung „Illuminierte Urkunden“ auf monasterium.net gesammelten Beschreibungen (derzeit 385 Papsturkunden: https://www.monasterium.net/mom/Illuminierte UrkundenKurie/collection) wird evident, dass oft (aber keineswegs immer) Schreiber und Zeichner des Dekors identisch sind. Fleuronnée-Dekor beim Skriptorenvermerk und bei kleinen Gliederungselementen im Fließtext sind Stellen, die Grundlagen zur Beurteilung bieten.

Was jedoch bis in die erste Hälfte des 15. Jahrhunderts die Regel bildete, dass Schrift und Dekor aus einer Hand stammen, wird dann durch diversere Entwicklungen in Frage gestellt. Ein Faktor sind figürliche Dekor­ elemente, die von einem Schreiber oft nicht ausreichend professionell gestaltet werden können.

Auf Grund der Masse des Materials, das (vor allem auch digital) zur Verfügung steht, können auch Fragen zur Interaktion von Dekor und Empfängern gestellt werden. Waren graphisch hervorragende Skriptoren für gewisse Regionen, für spezifische Gnadenakte, für herausragende Empfänger tätig? Das Material legt jedoch nahe, dass sich auch die profiliertesten Skriptoren mit ganz einfachen und schmucklosen Briefen (cum filo canapis) befassen mussten.

Die kunsthistorische Stilanalyse kann auch dort, wo Dekor und Skriptorennennung nicht parallel laufen, belastbare Ergebnisse vorlegen. Bei Stücken, an denen wohl zwei (oder mehr) Hände beteiligt waren, kann nach dem genauen Punkt des Handwechsels gefragt werden. Dies wird jedoch erschwert, weil im Bereich des Dekors (Initiale und erste Zeile) neben der Kontextschrift auch verschiedene Zierschriften Anwendung finden.

Die päpstliche Kanzlei bietet ein Fallbeispiel, bei dem ausreichend Material zur Verfügung steht, sie ist aber auch eine Spielwiese, auf der sich eine eingeschränkte Zahl von namentlich bekannten Akteuren – in diesem Fall wohl tatsächlich alles Männer – tummeln. Diese Voraussetzungen ermöglichen lustvolle Forschung an der Schnittstelle von Paläographie und Kunstgeschichte. Zudem arbeitet man – gerade während des Schismas – mit Material, das auch die Politik Europas fundamental beeinflusst.