Netzwerkanalyse für Scriptoriendaten – die nächsten Schritte
Abstract. This paper explores the application of network analysis for large scale scriptorium research, using data on scribes and illuminators from three scriptoria in over 430 century manuscripts dating from 12th to the 14th century.
Schon bei Scriptoriumsuntersuchungen durch traditionellen, optischen Schriftvergleich entstehen häufig Datenmengen, die nur durch Datenbanken auswert- und präsentierbar sind. So umfasst etwa die Datenbank scriptoria.at, die sich vor allem den österreichischen Zisterzienserklöstern widmet, im Moment Einträge zu 1333 Schreibern aus 434 kodikologischen Einheiten. Mit der fortschreitenden Digitalisierung von Handschriftenbeständen und neuen KI-gestützten Methoden, die ein automatisches Clustering von Schreiberhänden in einer großen Zahl von Handschriften erlauben (werden), wird die verfügbare Datenmenge in Zukunft noch viel stärker ansteigen.
Diese Datenmengen stellen Paläograph*innen vor die Herausforderungen, das Beziehungsgeflecht von Handschriften und ihren Schreibern, Rubrikatoren, Illuminatoren und Korrektoren strukturiert und verständlich zu präsentieren und detailliert auszuwerten. Einen Ansatz, der über die klassische verbale Aufbereitung hinausgeht, bieten hier die vielfältigen Methoden der Digital Humanities.
Besonders naheliegend für Scriptoriumsdaten ist die Verwendung der aus den Sozialwissenschaften kommenden und auch in den Geschichtswissenschaften immer stärker vertretenen sozialen Netzwerkanalyse. Vielversprechende Ergebnisse eines ersten Testlaufs aufgrund von Daten, die aus der Untersuchung der frühen Scriptorien von Heiligenkreuz, Zwettl und Baumgartenberg gewonnen wurden, wurden bereits im Journal of Historical Network Research publiziert (https://doi.org/10.25517/jhnr.v9i). Das Hauptaugenmerk des Aufsatzes lag jedoch im Proof of Concept und Aufzeigen des Potentials der Visualisierung von Scriptoriumsdaten. Es wurden daher vor allem Textschreiber betrachtet und insbesondere jene Daten herangezogen, zu denen bereits erste Auswertungen verfügbar waren. Trotz der beschränkten Datenbasis erbrachte bereits diese erste, mit dem Programm Gephi durchgeführte Netzwerkanalyse neue und bisher unbeachtete Forschungsansätze.
In diesem Vortrag ist die Datenbasis zeitlich und inhaltlich stark ausgeweitet und die Netzwerkanalyse technisch weiterentwickelt und vertieft. Als Grundlage für den paläographischen Aspekt dienen die von Alois Haidinger erhobenen Daten zu den Schreibern, Rubrikatoren und Korrektoren der Scriptorien Heiligenkreuz, Lilienfeld und Zwettl bis zum Ende des 14. Jahrhunderts. Die bereits weit fortgeschrittene Analyse des Buchschmucks der genannten Scriptorien ermöglicht es, den paläographischen Netzwerken die Netzwerke der Illuminatoren gegenüberzustellen. In ihrem Zusammenspiel kann ein Einblick in den Ablauf und die Organisation der Buchproduktion in den jeweiligen Scriptorien gewonnen werden. Ergänzend bietet eine vertiefte Netzwerkanalyse durch leistungsstärkere Programme und genauere Vergleiche verschiedener Auswertungsmöglichkeiten die Möglichkeit, kleinere Binnenstrukturen sichtbar zu machen und genauere Aussagen zu eng verwandten Handschriften treffen zu können.