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Borisov, Grigorii, Universität zu Köln

Profilierung der SchreiberInnen der ab-Schrift. Das Problem der Variabilität einer individuellen Minuskelschrift der frühen Karolingerzeit

Abstract. The paper deals with the Early Carolingian AB-type of minuscule (ca. 780 – 830) and their scribes, whose hands are a very delicate problem of Latin palaeography. The main question of the paper is elaborating of palaeographical criteria for identifying of the AB-hands and examination of their variability according to the new approach of profiling the medieval scribes, their scribal and language competencies.

Die sogenannte ab-Schrift gehört zur späten Ausprägung der frühmittelalterlichen kursiven Minuskelschriften, die im ausgehenden 8. und beginnenden 9. Jh. in der Buchschrift durch die karolingische Minuskel ersetzt wurden. Dieser Schrifttyp ist etwa in 28 Codices, 12 Fragmenten und in Marginalien mancher anderen Handschriften überliefert, seine Untersuchung bleibt in der Forschung weiterhin als Desiderat. Der Vortrag befasst sich mit dem ersten und grundlegenden Problem der Erforschung ab-Schrift, nämlich mit Kriterien der Unterscheidung der ab-Hände, die in der Forschungsliteratur bislang ausführlich nicht diskutiert wurde.

Die Unterscheidung der ab-Hände ist durch zwei Eigenarten der ab-Handschriften besonders problematisch: Zum einen haben die Schreibenden in diesem Schrifttyp eine so einheitliche kalligraphische Schulung bekommen, sodass ihre Schrift auf den ersten Blick sehr wenige individuelle Züge hat. Andererseits wurden in ab-Schrift vor allem großformatige umfassende Codizes geschrieben. Demzufolge können die Grenzen der Schreibpartien nur in akribischer Studie bestimmt werden und die Untersuchung der Variabilität der individuellen ab-Schrift stellt eine wissenschaftliche Herausforderung dar. Eine methodologische Lösung bietet die komplexe paläographische und sprachwissenschaftliche Profilierung der Schreiber, die kürzlich von Herrad Spilling entwickelt wurde. Im Profil eines Schreibers werden sowohl die Formen der Abbreviaturen, Ligaturen und individuell stilisierten Formvarianten der Buchstaben als auch die Verwendung dieser Schriftelemente innerhalb eines Wortes, einer Zeile und auf einer Seite und die Beherrschung vom Schreiber der lateinischen Grammatik in Betracht gezogen (Spilling. 2015. S. 467–488). Die Schulung, die Fähigkeiten und die konkreten Entscheidungen der Schreiber während des Schreibprozesses werden demnach zu den überprüfbaren Kriterien der Händescheidung sowie der Erarbeitung ihrer individuellen Profile.

Der Vortrag zielt, im Rahmen der umfassenden Studie der ab-Schreiber vor allem die Variabilität ihrer individuellen Schriften zu untersuchen und ein Sensorium für ihre Profilierung zu erarbeiten. Aus diesen Gründen wurden zunächst in die paläographische Analyse zwei datierbare ab-Handschriften kleineres Formats einbezogen: Der Codex mit Exzerpten aus Kirchenvätern (verbunden mit Aachener Regelungen für Kanonissen von 816) Paris, BnF, lat. 13440, wahrscheinlich von einer einzigen ab-Hand geschrieben, und die Handschrift des um 811 verfassten Kommentars von Claudius von Turin an Genesis: Düsseldorf, UB, B 3, die von mehreren ab-Händen geschrieben wurde. Die gewonnenen Kriterien der Schriftvariabilität der ab-Hände wurden dann in der Profilierung der Hände von großformatiger Kapitularienhandschrift Berlin, SPK, Hamilton 132 verwendet und erlauben, auch zur Diskussion der Identifizierung mittelalterlicher Hände anhand eines frühkarolingischen Schrifttyps beizutragen.